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Bildungsbereich (Ungleichheiten im)

Georges Felouzis

Originalversion in französischer Sprache


Erstveröffentlicht: December 2020

Ungleichheit im Bildungsbereich bezeichnet den differenziellen Zugang von Individuen zu Bildungsgütern (Schulbildung, Wissen, Kompetenzen, Abschlüsse usw.) in Funktion ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Bei der Untersuchung von Bildungsungleichheiten geht es darum, Schullaufbahnen, erworbene Bildungsabschlüsse bzw. Kompetenzen in Funktion von Geschlecht, sozialer Herkunft, Migrationshintergrund, ethnischer Zugehörigkeit und anderen als relevant beurteilten Merkmalen miteinander zu vergleichen. Unterschiede im Zugang zu Bildungsgütern sind dann als Ungleichheiten einzustufen, wenn ihre Ursachen in der Funktionsweise der betreffenden Schule und nicht nur im Willen oder im Talent der jeweiligen Personen begründet liegen.

Ungleichheiten in der Schule entwickelten sich ab den 1950er Jahren in Europa und in den USA zu einem Problem für die Politik und zu einem Forschungsgegenstand für die Wissenschaft in Zusammenhang mit der Entwicklung und anschliessenden massenhaften Zunahme der obligatorischen und nachobligatorischen Schulbildung. Ab Anfang der 1960er Jahre wiesen Wissenschaftler eindringlich auf die erheblichen Ungleichheiten hin, denen Schülerinnen und Schüler aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit ausgesetzt waren. Die schulischen Ungleichheiten rückten besonders in den Fokus, weil sie weitere Nachteile für die Betroffenen nach sich zogen – etwa in den Bereichen Beschäftigung, Berufslaufbahn, Lebensstandard und Gesundheit.

Viele Länder reagierten darauf mit einer Re­form ihrer Schulpolitik. Ziel war es, Ungleich­heiten beim Zugang zu Bildungsabschlüssen und Kenntnissen zu reduzieren, wurden diese doch in den demokratischen, egalitär ausgerichteten Staaten als ungerecht empfunden. In den meisten Ländern der Erde öffneten sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Bildungssysteme, um alle Angehörigen einer Altersgruppe zu beschulen. Diese Demokratisierung der Bildung ging in vielen Ländern mit Reformen einher, in deren Rahmen die obligatorische Schulzeit verlängert wurde. In den meisten Ländern ist der Schulbesuch seither bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres, in manchen Bildungssystemen wie beispielsweise im Kanton Genf sogar bis zum vollendeten 18. Lebensjahr obligatorisch. Ausserdem wurde an verschiedenen Orten die Sekundarstufe I durch gleiche Lehrpläne und Bildungsprogramme vereinheitlicht – unabhängig davon, welches Niveau die Schülerinnen und Schüler am Ende der Primarstufe erreicht hatten. Und nicht zuletzt wurde die nachobligatorische Bildung auf Ebene der Sekundarstufe sowie die Hochschulbildung weiterentwickelt. Mittlerweile wird Bildung nicht mehr allein als Kostenfaktor betrachtet, sondern gemäss der «Humankapitaltheorie» als echte Investition in den Wohlstand der Nationen. Vor diesem Hintergrund ziehen Bildungsungleichheiten nicht nur die besondere Aufmerksamkeit der Schulpolitik auf sich, sondern auch diejenige von Akteuren der Beschäftigungspolitik, der Sozialhilfe und des Weiterbildungssektors sowie der Jugendpolitik. Denn ein Scheitern in der Schule wirkt sich negativ auf die berufliche Eingliederung der betreffenden Personen und ihren Lebensverlauf aus und begünstigt Situationen sozialer und persönlicher Verletzbarkeit.

Das Bewusstsein um die Probleme von schulischen Ungleichheiten hat nach der Jahrtausendwende zur Entwicklung des PISA-Programms (Programme for International Student Assessment) durch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geführt. Hierbei handelt es sich um eine im Dreijahres-Turnus durchgeführte Untersuchung, mit der die Lesekompetenz, das mathematische Wissen und die naturwissenschaftliche Bildung der stichprobenweise aus 15-jährigen Schülern zusammengestellten Testgruppen aus mehr als 70 Ländern verglichen werden. Ein wichtiger Indikator, der bei der Beurteilung der Bildungssysteme im Rahmen von PISA verwendet wird, ist die Bildungsgerechtigkeit. Mit diesem Indikator wird die Fähigkeit eines Bildungssystems gemessen, die auf dem soziokulturellen Familienhintergrund, dem Geschlecht und einem möglichen Migrationshintergrund beruhenden Kompetenz­unterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern soweit wie möglich zu verringern. Die PISA-Untersuchung hat gezeigt, dass es in allen Ländern Ungleichheiten im Zusammenhang mit dem sozioökonomischen Hintergrund der Schüler und Schülerinnen gibt. Das Ausmass dieser Ungleichheiten variiert jedoch stark. In Frankreich, Belgien und Deutschland sind sie sehr ausgeprägt, während sie in Finnland, Korea und Kanada deutlich weniger zu Buche schlagen. Was die geschlechterspezifischen Unterschiede betrifft, fällt der Befund differenzierter aus. Mädchen schneiden in Mathematik schwächer ab als Jungen, haben aber eine höhere Lesekompetenz als diese. In den Naturwissenschaften halten sich die erworbenen Kenntnisse der Mädchen und Jungen laut den PISA-Ergebnissen in etwa die Waage. Mit Blick auf Benachteiligungen im Zusammenhang mit einem Migrationshintergrund zeigen die internationalen PISA-Vergleiche, dass Migrantinnen und Migranten der ersten und der zweiten Generation deutlich schlechtere Bewertungen erzielen als Einheimische. Aber auch diese Ungleichheiten variieren sehr stark von Land zu Land. Das verdeutlicht, in welchem Masse die Schulpolitik zur Entwicklung von Bildungsungleichheiten beiträgt und welch grossen Handlungsspielraum die Politik insgesamt hat, um diese Ungleichheiten so weit wie möglich abzubauen.

Im internationalen Vergleich belegt die Schweiz in Sachen Bildungsgerechtigkeit einen Mittelplatz. Da Bildung in unserem Land Kantonssache ist, bestehen zwischen den 26 kantonalen Bildungssystemen sehr grosse Unterschiede. Die Arten der Einschulung ebenso wie das Ausmass der Ungleichheiten der im obligatorischen Teil der Sekundarstufe erworbenen Kompetenzen variieren von einem Kanton zum anderen. Zwischen den Jahren 2000 und 2015 hat die Schweiz ein «Oversampling» zur PISA-Studie entwickelt. Dies erlaubt es ihr, das durchschnittliche Kompetenzniveau und das Ausmass der Ungleichheiten in den 13 Kantonen zu messen, die sich zur Teilnahme an dieser Untersuchung bereit erklärt haben. Die Analysen zeigen, dass die durch das sozioökonomische Niveau und den Migrationsstatus verursachten Bildungsunterschiede in einigen Kantonen viel deutlicher ausgeprägt sind. So ist die Bildungsgerechtigkeit in den Kantonen Zürich, Waadt und St. Gallen am niedrigsten. In den Kantonen Freiburg, Jura und Wallis sind die Ungleichheiten hingegen deutlich weniger gravierend als im Schweizer Durchschnitt. Dabei ist festzustellen, dass diese Unterschiede zwischen den Kantonen nicht auf die Zusammensetzung ihres jeweiligen Schulpublikums (z. B. Anteil benachteiligter Schülerinnen und Schüler, Migranten und Migrantinnen der ersten Generation) zurückzuführen ist. Denn im Rahmen der angestellten Analysen werden diese Kontextvariablen konstant gehalten.

Daher fragt sich, welche Mechanismen zu den Unterschieden führen, die zwischen den verschiedenen Staaten bzw. in der Schweiz zwischen den Kantonen zu beobachten sind. Untersuchungen hierzu zeigen, dass bestimmte kantonale Bildungssysteme die Schülerschaft sehr früh auf voneinander isolierte, hierarchisierte Bildungsgänge aufteilen. Dies führt zu einer weitreichenden Trennung von Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichem sozioökonomischem und Migrationshintergrund. In diesen Fällen besteht die Gefahr einer «systemischen Diskriminierung». Diese liegt vor, wenn den Schülern und Schülerinnen ungleiche Bildungsprogramme offen stehen und wenn in den weniger wertgeschätzten Bildungsgängen vergleichsweise unerfahrene Lehrkräfte eingesetzt werden. Diese Formen von systemischer Diskriminierung verstärken die von vornherein bestehenden Ungleichheiten, weil Kinder, die bereits weniger (soziale, ökonomische und kulturelle Ressourcen) haben, in der Folge auch weniger (Bildung) erhalten. Diese Idee wird dadurch bestätigt, dass in Kantonen mit ausgeprägter Trennung zwischen den Bildungsgängen (z. B. in Zürich oder Waadt) die Ungleichheiten in den erworbenen Kompetenzen zwischen den Schülerinnen und Schülern besonders gross sind.

Allerdings können die PISA-Studien nicht sämtliche Bildungsungleichheiten erklären. Vergleicht man etwa den Schulerfolg von Mädchen und Jungen, so sind Schülerinnen sowohl in der obligatorischen Ausbildung (geradlinigere Schulkarrieren, bessere Prüfungsergebnisse) als auch in den nachobligatorischen Bildungsgängen (höherer Maturitätsanteil und höherer Prozentsatz unter den Studierenden) im Vorteil. Dagegen sind Mädchen und junge Frauen in naturwissenschaftlichen sowie technischen Ausbildungsgängen in der Schweiz – wie auch in vielen anderen Ländern – nach wie vor unterrepräsentiert. Ihre Orientierung und die Wahl ihrer Spezialisierung, auf Ebene der nachobligatorischen Sekundarstufe sowie in der Hochschulbildung, benachteiligen sie und bringen sie von Studiengängen ab, welche zu besonders gut bezahlten Berufen führen.

Literaturhinweise

Felouzis, G. (2014). Les inégalités scolaires. Paris: Presses universitaires de France.

Felouzis, G. & Goastellec, G. (Éd.) (2015). Les inégalités scolaires en Suisse: école, société et politiques éducatives. Berne: Peter Lang.

Nidegger, C. (Éd.) (2014). PISA 2012. Compétences des jeunes romands: résultats de la cinquième enquête PISA auprès des élèves de fin de scolarité obligatoire. Neuchâtel: Institut de recherche et de documentation pédagogique.

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