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Schulsozialarbeit

Sarina Ahmed, Martina Fischer


Erstveröffentlicht: Dezember 2020

Schulsozialarbeit bezeichnet in der Schweiz ein Angebot der Kinder- und Jugendhilfe, das direkt in den Schulhäusern angeboten wird: Fachpersonen der Sozialen Arbeit bieten unter den Prämissen sozialer Gerechtigkeit helfende und bildungsorientierte Dienstleistungen (ins­be­son­dere Beratungen, Projekte, Gruppenarbeiten) für lebensweltliche Belange und psychosoziale Problemlagen von Kindern und Jugendlichen an. Zudem sind sie als Akteurinnen und Akteure von Schulentwicklungsprozessen (z. B. Initiierung eines Schülerparlaments; Impulse zur Kommunikationskultur der Schule) aktiv. Leistungen der Schulsozialarbeit sind in der Regel auf Kooperationen mit schulischen und ausserschulischen Fachpersonen und Diensten angewiesen.

Profile von Schulsozialarbeit gestalten sich in der Schweiz sehr unterschiedlich. Freiwilligkeit, Niederschwelligkeit, Vertraulichkeit, Schweigepflicht, Beziehungsarbeit, anwaltschaftliches Handeln sowie Subjekt- und Dienstleistungsorientierung stellen jedoch vielerorts zentrale Handlungsmaximen dar und gelten auch im Fachdiskurs als wichtige Wirkungsvoraussetzungen von Schulsozialarbeit. Innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe nimmt Schulsozialarbeit eine besondere Rolle ein, denn sie ist nicht nur eines der am schnellsten wachsenden Handlungsfelder, sondern gegenwärtig die Leistung, die für die meisten Heranwachsenden in der Schweiz am einfachsten erreichbar, ohne Vermittlung Dritter (z. B. Eltern, Fachdienste) zugänglich und unentgeltlich nutzbar ist.

Von den 1960er bis Ende der 1990er Jahre war Schulsozialarbeit lediglich an wenigen Standorten eingeführt. Danach fand ein rasanter Angebotsausbau statt. Ausnahmen sind der frankophone Teil des Kantons Wallis und das Tessin, hier sind alternativ zur Schulsozial­arbeit Schulmediatoren (médiation scolaire) resp. ein Vertrauenslehrersystem (docente mediatore) etabliert. Anlässe, die zur Einführung von Schulsozialarbeit führen, variieren. So wurde Schulsozialarbeit mancherorts als Antwort auf herausfordernde Unterrichtssituationen mit sogenannten verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern eingeführt, anderenorts jedoch auch, initiiert von Seiten der Kinder- und Jugendhilfe, um vermehrt niederschwellige Unterstützungsangebote an Schulen leisten zu können. Geprägt durch die föderalistischen Strukturen haben sich unterschiedliche Standorte der Schulsozialarbeit unabhängig voneinander und unsystematisch, meist keiner kantonalen Strategie folgend, entwickelt. Im Vergleich der Landesteile ist Schulsozialarbeit heute in der Deutschschweiz stärker verbreitet. Je nach Region, in der sie aufwachsen (sprachlich, ländlich, städtisch), haben Kinder und Jugendliche (qualitativ und quantitativ) unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zur Schulsozialarbeit. Seit ca. 2005 haben sich zunehmend Fachdiskurse zur Schulsozialarbeit in der Schweiz etabliert, die regional und sprachspezifisch zum Teil sehr unterschiedliche Konzepte von Schulsozialarbeit favorisieren und durchaus unterschiedliche Antworten auf Fachfragen geben. In den letzten Jahren findet verstärkt eine regionenübergreifende Vernetzung zwischen den Akteurinnen und Akteuren aus Praxis, Berufsverbänden und Hochschulen statt, die zugleich die Entwicklung einer forschungsbasierten Praxis in der Schweiz und die Entwicklung einer Theoriebildung zur Schulsozialarbeit im deutschsprachigen Raum insgesamt weiter vorantreibt. Im Mai 2016 wurde in Zusammenarbeit von AvenirSocial und dem Schulsozialarbeitsverband SSAV, in Ergänzung zu den Rahmenempfehlungen (2004, 2007 und 2010) und den Qualitätsrichtlinien zu Schulsozialarbeit (2010), ein bilinguales Leitbild zu Sozialer Arbeit in der Schule resp. zu travail social en milieu scolaire publiziert.

Schulsozialarbeit ist rechtlich meist in der kantonalen Sozial- oder Schulgesetzgebung verortet, mancherorts gibt es zudem Regelungen auf Gemeindeebene; teilweise gibt es noch gar keine rechtlichen Rahmungen. Administrativ ist Schulsozialarbeit entweder den Schul- oder Sozialverwaltungen unterstellt. Die Finanzierungs- und Entscheidungsbefugnisse liegen sowohl bei Gemeinden als auch bei den Kantonen. Zwischen den Kantonen aber auch innerhalb einzelner Kantone führt dies zu grossen strukturellen Unterschieden, einerseits in der konzeptionellen Ausgestaltung und Ausrichtung von Schulsozialarbeit, anderseits bezüglich Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel Personalressourcen, Zuständigkeiten und infrastrukturellen Ressourcen.

Es ist fachlich unstrittig, dass Professionelle der Schulsozialarbeit resp. der travail social en milieu scolaire über eine tertiäre Grundausbildung in Sozialer Arbeit (Universität, Fachhochschule oder einer vergleichbaren Ausbildung) verfügen sollten, möglicherweise ergänzt durch handlungsfeld- oder angebotsspezifische Weiterbildungen.

Nationale Besonderheiten ergeben sich durch die spezifische Struktur sowie das Profil der Schweizer Kinder- und Jugendhilfe, für die es keine nationale, und somit allgemeinverbindliche Gesetzgebung gibt. Zudem erschweren sprachbedingte Unterschiede die fachliche und kulturelle Verständigung sowie die überregionale Vernetzung der Schulsozialarbeit in der Schweiz. Obwohl der Bundesrat im Rahmen seiner gesamtschweizerischen Strategie zur Armutsbekämpfung 2010 den Ausbau von Schulsozialarbeit ausdrücklich empfiehlt, führt der Föderalismus in den 26 Kantonen zu horizontal und vertikal divergierenden Angebots- und Steuerungsstrukturen von Schulsozialarbeit. Damit unterscheidet sich die Organisation beispielsweise von der in Frankreich, wo Schulsozialarbeit durch eine Zentralbehörde bestimmt und verwaltet wird. Ferner sind private Trägerschaften von Schulsozialarbeit, wie diese beispielsweise in Deutschland häufig vorkommen, in der Schweiz kaum vorhanden. Weitere nationale Besonderheiten sind in der Ausrichtung des Aufgabenprofils von Schulsozialarbeit auszumachen. Spezifisch für die Schulsozialarbeit in der Schweiz ist vor diesem Hintergrund ihre Triage-Funktion (Vermittlung, Vernetzung) sowie die Tatsache, dass Schulsozialarbeit vielerorts auf Beratungsarbeit und einzelfallbezogene Unterstützung fokussiert ist. Ansätze, die Schulsozialarbeit in bildungspolitischer Hinsicht und bezogen auf Schulentwicklungsprozesse Gewicht einräumen, wie dies beispielsweise in den Niederlanden der Fall ist, sind in der Schweiz ebenso wenig etabliert, wie sozialräumliche und freizeitbezogene Ansätze oder gruppenspezifische Angebote, wie sie beispielsweise in Deutschland umgesetzt werden.

Als Herausforderungen in Zusammenhang mit einer Konsolidierung von Schulsozialarbeit können politische und fachliche Diskussionen um den grundlegenden Bedarf an Schulsozialarbeit, um angemessene Rahmenbedingungen und um die inhaltliche Angebotsausrichtung genannt werden. Gegenwärtig wird vielerorts versucht, Fragen der Trägerschaft und Finanzierung zu regeln, Schulsozialarbeit – z. B. im Rahmen von Tagesschulen und Bildungslandschaften – in die lokalen Angebotslandschaften zu integrieren und Schulsozialarbeit für Heranwachsende aller Altersstufen (vom Kindergarten bis zu weiterführenden Schulen) bedarfsgerecht zu konzipieren und anzubieten. Ferner gibt es Bestrebungen, über die Sprachregionen hinaus fachliche Vernetzungen zu fördern und insbesondere in der Romandie Schulsozialarbeit auszubauen und sichtbarer zu machen. Kennzeichnend für das Arbeitsfeld ist zudem, dass die Praxis der Schulsozialarbeit vergleichsweise intensiv evaluiert wird. Einige fachliche und fachpolitische Akteurinnen und Akteure kritisieren, dass sich durch die Vielfalt des Berufsfeldes fortlaufend Fragen nach einem gemeinsamen Praxis-Profil der Schulsozialarbeit stellen und treten für die Entwicklung differenzierter, handlungsfeldgerechter und aussagekräftiger Qualitätskriterien ein.

Literaturhinweise

AvenirSocial & Schulsozialarbeitsverband SSAV (Hrsg.) (2016). Leitbild Soziale Arbeit in der Schule. Bern/Luzern: AvenirSocial, SSAV.

Baier, F. & Deinet, U. (Hrsg.). (2011). Praxisbuch Schulsozialarbeit: Methoden, Haltungen und Handlungsorientierungen für eine professionelle Praxis. Opladen: Barbara Budrich.

Kottelat, J. (2015). Tournée romande: les travailleurs sociaux sont de plus en plus nombreux en milieu scolaire. ActualitéSociale, 55, 7–8.

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